Vererbung oder Umwelteinflüsse
 
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Auszüge aus dem Arbeitsbuch:"Das Aggressionsverhalten des Hundes" von James O'Heare, S. 30 S.97

Vererbung oder Umwelteinflüsse

Jedes Verhalten setzt sich aus Elementen zusammen, die eine Reaktion auf die Umgebung (Umwelteinflüsse) oder aber genetisch fixiert (Vererbung) sind.  Wie groß die jeweiligen Anteile sind und welche stärker ins Gewicht fallen, lässt sich unmöglich sagen. Beides ist sehr wichtig. Dr. Ian Dunbar antwortet auf die Frage nach Vererbung und Umwelteinflüssen gern mit der Gegenfrage: „ Geht es um das Projekt oder um das Produkt?“. Wenn Sie ein Züchter sind oder jemand, der das Züchten gesetzlich regulieren will, um Aggression zu verhindern, dann können Sie den Hund als Projekt betrachten und die Antwort geben: „ Züchten Sie nicht mit aggressiven Hunden, weil die Vererbung eine ganz große Rolle spielt.“ Wenn Sie gerade einen Welpen übernommen haben, dann haben Sie ein Produkt, und die Antwort lautet daher: „Vererbung spielt in diesem Stadium eine geringe Rolle, sozialisieren Sie ihren Welpen lieber gründlich, weil Umwelteinflüsse sehr, sehr wichtig sind.“ Die genetische Verankerung von Aggression ist ein kompliziertes Thema, weil es sich um ein so genanntes polygenetisches Phänomen handelt. Das heißt, dass Aggression ein maßgeblicher Bestandteil in fast jedem Gen des Hundekörpers ist. Lindsay sagte in Bezug auf die Frage Vererbung oder Umwelteinflüsse folgendes: „Die jeweilige Bedeutung der beiden Faktoren unabhängig voneinander zu untersuchen, kann man mit der Frage vergleichen, ob zur Bildung eines Wassermoleküls Wasserstoff oder Sauerstoff wichtiger ist. Gene sind nicht direkt für ein bestimmtes Verhalten verantwortlich, so wie Verhalten nicht direkt für Gene verantwortlich ist (Lindsay, S.168) Gene wirken sich auf den biochemischen Status aus der sich wiederum in direkter Weise auf das Verhalten auswirkt. „Die biologische Entwicklung und die Verhaltensentwicklung finden im Rahmen vorgegebener, vererbter Bedingungen statt, die flexibel genug sind, um die Veränderung zuzulassen, die auf Grund der jeweiligen Erfahrung eines Tieres und seiner Interaktion mit der Umwelt erforderlich werden. Die Anpassung an die Erfordernisse der physischen und sozialen Umwelt ist lernabhängig, Lernen ist aber wiederum nur innerhalb der genetischen bedingten Voraussetzungen des Tieres und seiner Lernfähigkeit möglich“ (Lindsay, S.168).
Das Gehirn eines Hundes wächst nach der Geburt weiter. Es verändert sich sowohl in seiner Größe als auch in seiner Form. Mit Form ist die Art der Nervenverbindungen gemeint, die sich bilden. Die Erfahrungen, die ein Hund in der Frühentwicklung macht, führen zu einer bestimmten Ausprägung von Größe und Form des Gehirns, was auch bedeutet, dass das Wesen des Welpen bei der Geburt nicht das Wesen ist, das er als erwachsener Hund haben wird. Die Entwicklung des Fötus und die Geburt sind nur die ersten Schritte bei der Wesensentwicklung des Hundes. Das endgültige Ergebnis wird dann aber eine Mischung aus ererbtem Faktoren und Reaktionen auf Umwelteinflüsse sein. (Coppinger)

Sozialisierung

"Das Gehirn wächst in zwei Richtungen: Es wird größer und seine Form verändert sich. Die Umweltstimulation während der ersten 16 Wochen bestimmt, um wie viel das Gehirn wächst und wie es seine Form verändert." ( Coppinger & Coppinger)

"Der Welpe hat bei der Geburt im Wesentlichen alle Gehirnzellen, die er in seinem ganzen Leben haben wird.
Wenn das Gehirn eines Welpen aber bereits die Gesamtzahl der Zellen des erwachsenen Gehirns beinhaltet, wie kann es dann wachsen und zehnmal Größer werden? Der Grund hierfür ist, dass das Wachstum des Gehirns praktisch zur Gänze aus der Bildung von Nervenverbindungen zwischen den Zellen besteht. Eine riesige Anzahl der bei der Geburt bereits vorhandenen Zellen bildet keine Verbindungen aus und wird nicht vernetzt. In der Frühentwicklung der Welpen findet eben diese Vernetzung zwischen den Nervenzellen nach einem Muster statt. Einige Nerven bilden spontan und infolge körpereigener Signale eine Verbindung. Einige Nerven "suchen" einen Muskel, an den sie anknüpfen können. Andere Nervenverbindungen entstehen als Reaktion auf Signale von außen." (Coppinger & Coppinger)

"Ein Welpe, der in einer reizarmen Umgebung aufwächst, hat ebenfalls ein kleineres Gehirn. (...) Wenn ein Welpe aus einer reizarmen Umwelt als erwachsenes Tier in eine vielfältige und an Reizen reiche Umwelt kommt, kann er nicht mehr lernen, sich in dieser Umwelt zurechtzufinden, weil er nicht über die erforderlichen Nervenverbindungen verfügt. Wenn ein Hund 16 Wochen alt wird, hat er praktisch alle für das Sozialverhalten wichtigen Verknüpfungen hergestellt (oder eben nicht), die er je haben wird."
(Coppinger & Coppinger)

Raymond + Lorna Coppinger, 2003 in deutscher Sparche erschienen
HUNDE- Neue Erkenntnisse über Verhalten, Herkunft und Evolution der Kaniden
Animal Learn Verlag
 
www.animal-learn.de

Lindsay Steven M.A.,
Handbook of Applied Dog Behavior and Training
Volume One 2000
Volume Two 2001
Iowa State University Press




 
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